Doku • Deutschlands Blankoscheck im Ukraine-Krieg

Quelle:
European Parliament, Ruslan Stefanchuk addressing the chamber in Strasbourg.jpg, 08.06.2022, vgl. unter: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Ruslan_Stefanchuk_addressing_the_chamber_in_Strasbourg.jpg?uselang=de;
Anmerkung: Ruslan Stefanchuk ist seit dem 08.10.2021 Vorsitzender der Werchowna Rada (Parlamentspräsident) der Ukraine.
Die zitierten ukrainische, russischen, englischen u.a. Texte wurden von der Autorin dieser Website übersetzt (d.h. nicht vom Urheber authentifiziert). Die bibliographischen Angaben sind mit der zitierten Quelle verlinkt und somit überprüfbar. Die slawischen Namen wurden eingedeutscht (keine wissenschaftliche Transliteration).
Historischer Rückblick: Die Blankoscheck-Diplomatie des Deutschen Kaiserreichs im Juli 1914:
„Die Ermordung des österreichisch-ungarischen Thronfolgers Franz Ferdinand am 28. Juni 1914 war das Signal für eine Risikopolitik, für den stellenweise dilettantisch vorgetragenen Versuch Deutschlands und Österreich-Ungarns, ihre außenpolitische Lage dauerhaft zu verbessern. Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg kalkulierte dabei ganz bewusst den Ausbruch eines großen Krieges mit ein. Objektiv gesehen gab es keinerlei Notwendigkeit für einen Waffengang. Heute wissen wir, dass keine Großmacht im Sommer 1914 wirklich um ihre Existenz bangen musste. Maßgeblich war freilich die subjektive Wahrnehmung der politischen Entscheidungsträger. Und die waren davon überzeugt, auf die militärische Karte setzen zu können, ja zu müssen. Damit war der Kriegsausbruch keine zwangsläufige, aber doch eine sehr wahrscheinliche Folge der damaligen Konstellation.“
Quelle: Sönke Neitzel, 2011, Telegramm des österreichisch-ungarischen Botschafters in Berlin an Außenminister Leopold Graf Berchtold („Blankoscheck“), vgl. www.1000dokumente.de.
Kommentar [S.R.]: Die Blankoscheck-Diplomatie der deutschen Bundesregierung seit 2022:
Seit Kriegsbeginn lieg Deutschalnd nach den USA bei den Militärhilfen an die Ukraine auf Platz Zwei der Unterstützerstaaten (ifw.kiel.de, 17.3.2025). Während Berlin die Ukraine vorbehaltlos und ohne irgendwelche Konditionen unterstützt, verfolgt die amerikanische Außenpolitik von Beginn an mit ihren Waffenlieferungen eigene ökonomische Interessen. Führende Energieunternehmen der USA haben bereits während des Krieges langjährige Verträge mit der ukrainischen Atomindustrie geschlossen (siehe auf dieser Website: Doku • Atomwirtschaft Ukraine-USA-Kanada). Deutschland bleibt dagegen nur der Geld- und Kreditgeber für einen Krieg, den die Ukraine und das NATO-Bündnis militärisch nicht gewinnen kann.
Die als «Verteidigungskrieg» propagierte Reaktion der Ukraine auf die russische Miltärintervention war von Anfang an ein «Angriffskrieg» gegen Russland, um die seit 2014 verlorene Halbinsel Krim sowie die abtrünnigen Gebiete in der Ostukraine militärisch zurückzugewinnen (vgl. Thema 2024/1: Taurus Symbolik und Programm). Diese Dokumentation zeichnet nach, wie die Leitungsgremien der Europäische Union (EU-Kommission, Europäischer Rat) die Friedensbemühungen ihrer EU-Mitglieder Frankreich und Deutschland um die Einhaltung der Minsker Abkommen (2015) unterminierten. In Hinterzimmern entwarfen Beratungsgremien Strategien für eine Transformation der «Friedensmacht EU» zu einer Atommacht. Der Ukraine-Konflikt bot dafür die geeignete Kulisse (vgl. den Fachartikel in FPK 2023/3: Kriege ohne Kriegserklärungen).
Anfang 2025 haben sich die Machtverhältnisse in den USA verschoben: Präsidenten Donald Trump strebt eine Waffenruhe in der Ukraine an. Doch was als Friedensinitiative auf dem diplomatischen Parkett erscheint, könnte unterschiedliche Motive haben: So macht die US-amerikanische Nahostpolitik deutlich, dass Washington weniger den Weltfrieden als vielmehr eigene Interessen im Blick hat. Dazu zählt vor allem eine Neuverteilung der ökomomischen Kosten des Ukraine-Kriegs unter den NATO-Partnern. Die Regierungen der EU-Mitglieder, einschließlich Deutschlands, scheinen auch diesem transatlantischen Kurs widerspruchslos folgen zu wollen, offenbar in dem Glauben, die EU zu einer atomaren «Verteidigungsarmee» zusammenzuschweissen.
Die seit März 2025 angestrebte Neuverschuldung Deutschlands muss in diesem Kontext beurteilt werden. Die konditionslose «Solidarität» mit der Ukraine mündet derzeit in eine Blankoscheck-Diplomatie historischen Ausmasses: So scheint sich der Kriegskurs des Deutschen Kaiserreichs im Jahre 1914 rund hundert Jahre später zu wiederholen: Eine noch noch nicht gewählte deutsche Regierung strebt eine Änderung des Grundgesetzes an, um einer fiskalisch und zeitlich unbegrenzten Staatsverschuldung den Weg zu ebnen. Hauptnutznießer sind die Ukraine und europäische Rüstungskonzerne. Renommierte Forschungsinstitute liefern dafür die Argumente: «Wie Europa die US-Unterstützung ersetzen kann» (ifw-kiel.de, März 2025).
Präsident der Ukraine, Wolodymyr Selenskyj, 19.03.2025
Володимир Зеленський і Антоніу Кошта скоординували позиції перед засіданням Європейської ради [Wolodymyr Selenskyj und António Costa haben vor der Tagung des Europäischen Rates ihre Positionen abgestimmt]
https://www.president.gov.ua/news/volodimir-zelenskij-i-antoniu-koshta-skoordinuvali-poziciyi-96733
„[…] Darüber hinaus ging es im Gespräch um die Teilnahme der Ukraine an der Initiative zur Wiederaufrüstung Europas im Rahmen des ReArm Europe-Plans und die Finanzierung des Granatenkaufs.
Die Präsidenten der Ukraine und des Europäischen Rates besprachen außerdem Schritte zur Beschleunigung der Integration der Ukraine in die EU. Unser Staat rechnet mit der Unterstützung bei der Freigabe von Verhandlungsclustern.“
Anmerkung: Sowohl der ukrainische Präsident als auch der EU-Aussenbeauftragte besprechen Themen, über die sie keinerlei Verfügungsgewalt haben. In der Außen- und Verteiderigungspolitik entscheiden allein die nationalen Regierungen und ihre Parlamente. Deutschland wird auf dem Gipfeltreffen von einer zurückgetretenen und abgewählten Regierung vertreten. Diese entscheidet dieser Tage u.a. über ein Aufrüstungsprogramm der EU, das über neue europäische Schulden in Höhe von 800 Milliarden Euro bezahlt werden soll. Deutschland trägt nach einem Schlüssel diese Lasten zu einem Viertel.
16.03.2025
zdf heute, Zweites Deutsches Fernsehen, Berlin, 16.03.2025
Verteidigung und Infrastruktur: Wie sich das Schuldenpaket zusammensetzt
„Der Haushaltsausschuss des Bundestags hat ein Billionen-Finanzpaket für Sicherheit und Investitionen auf den Weg gebracht. Auf einen Schlag werden neue Schulden in einem Volumen ermöglicht, wie es dies in der Geschichte der Bundesrepublik noch nicht gegeben hat.
Es fallen gleich mehrere Hürden für die Kreditaufnahme – Geld fließt vorerst aber noch keines. Zur Befüllung etwa des geplanten 500 Milliarden Euro Sondervermögens muss der neugewählte Bundestag erst noch mit einem Errichtungsgesetz die Kreditermächtigungen beschließen. […]
Was ist geplant?
Über drei Hebel wird die Schuldenaufnahme ausgeweitet: Für Verteidigung wie auch für Zivilschutz, Nachrichtendienste und Militärhilfe für die Ukraine wird die Schuldenbremse gelockert.“
06.03.2025
Europäischer Rat, Rat der Europäischen Union, Brüssel, 06.03.2025
Außerordentliche Tagung des Europäischen Rates, 6 März 2025. Wichtigste Ergebnisse
https://www.consilium.europa.eu/de/meetings/european-council/2025/03/06/
„Die EU ist weiterhin entschlossen, in Abstimmung mit ihren Partnern und Verbündeten der Ukraine Hilfe zu leisten. Bis zum derzeitigen Zeitpunkt hat die EU der Ukraine 135,4 Mrd. € bereitgestellt; 49,2 Mrd. € davon in Form von militärischer Unterstützung. 65 % der gesamten Hilfe für die Ukraine wurden als Zuschüsse oder Sachleistungen und 35 % in Form von stark vergünstigten Darlehen gewährt. […]
Verteidigungsbereitschaft
Eine schnellere Mobilisierung der erforderlichen Verfahren und Finanzmittel wird eine entscheidende Rolle dabei spielen, Ausrüstung in der benötigten Menge und mit dem erforderlichen Tempo besser bereitzustellen. Diesbezüglich haben die Führungsspitzen […]
Ferner forderten sie Folgendes:
- Die Kommission soll weitere Maßnahmen prüfen, um Verteidigungsausgaben auf nationaler Ebene zu erleichtern.
- Die Kommission soll rasch zusätzliche Finanzierungsquellen für die Verteidigung auf EU-Ebene vorschlagen, einschließlich zusätzlicher Möglichkeiten und Anreize im Rahmen der einschlägigen Finanzierungsprogramme.
- Die Kommission soll Maßnahmen zur Mobilisierung privater Finanzmittel in Betracht ziehen. […]“
Anmerkung: Es stellt sich die Frage, ob und in welchem Umfang die EU-Kommission und die Rüstungslobby Druck auf die noch nicht gewählte deutsche Bundesregierung ausgeübt hat, um die derzeitige Staatsvreschuldung auf den Weg zu bringen. Eines steht fest: Alle EU-Ausgaben trägt nach einem festelegten Schlüssel Deutschland zu 25 Prozent.
Sabine Riedel, Kriege ohne Kriegserklärungen, 9.8.2023
Entscheidungsstruktur der Außen- und Sicherheitspolitik im politischen System der Europäischen Union am Beispiel der Ukraine, in: Forschungshorizonte Politik und Kultur, FPK 2023/3, Berlin, Abbildung 11, Seite 19:
vgl. unter: culture-politics.international/fpk-2023-3-kriege-ohne-kriegserklaerungen/

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Kriege um die atomare Vorherrschaft
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Friedensinitiativen / Vorschläge
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Der Krieg gegen fossile Energien
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CPI / FPK-Analyses: Ukraine